Der lange Schnauf der Pionierinnen

Unter dem Titel Pionierinnen präsentiert eine Sonderausstellung im Historischen Museum Olten Frauen aus mehreren Jahrhunderten, welche die Gesellschaft mitgestaltet und geprägt haben. Der Eröffnungsanlass fiel leider Corona zum Opfer. Wie die anderen Ansprachen wurde auch meine Eröffnungsrede als Video aufgezeichnet.

Wir schreiben das Jahr 2020, vielleicht erinnern Sie sich, das Jahr, in dem im Frühling das öffentliche Leben für einige Wochen stillstand. Im Herbst dieses Jahres, also vor ein paar Tagen auf einer Zugfahrt von Solothurn nach Olten unterhalte ich mit einem Exponenten einer bürgerlichen Partei über die Regierungswahlen im März 2021, also in einigen Monaten. Wir rätseln, wer denn da welche Chancen haben wird und er bemerkt: «Die CVP-Kandidatin wird es sehr schwer haben. Der Kanton Solothurn ist nicht bereit für drei Frauen in der Regierung.» Die Zeit sei einfach noch nicht reif.

Ja, geschätzte Damen und Herren, die Zeit war auch in der Vergangenheit selten reif für Frauen in der Politik und auch heute, soll es also nicht selbstverständlich sein, dass in einer Regierung auch mehr Frauen als Männer sitzen können. Nun, wir können froh sein, dass wir seit den letzten Wahlen zumindest zwei Frauen in der Regierung haben, das hat es vorher noch nie gegeben, seien wir doch zufrieden.
Auch heute noch sind Frauen, die politische Karriere machen, Pionierinnen. Nur so nebenbei bemerkt, als erste Sozialdemokratin in der Solothurner Regierung, bin ich auch so etwas wie eine Pionierin. 2017 gewählt, rund 120 Jahre nachdem «meine» Partei erstmals gleiche Rechte für Mann und Frau gefordert hatte. Freude und Stolz über den «raschen» Lauf der Geschichte halten sich schon ein bisschen in Grenzen. Pionierinnen sind Wegbereiterinnen, Vorkämpferinnen, der Stachel im Politikfilz. Oftmals haben sie sich bereits eine berufliche Laufbahn erkämpft und sich gleichzeitig im Politbetrieb positioniert. Aber trotzdem:
Gerade in ländlichem Gebiet ist es offenbar immer noch schwierig, Gleichstellung nicht nur zu propagieren, sondern auch zu als Selbstverständlichkeit zu leben.

«Nume nid gsprengt», scheint das Motto zu lauten, wenn wir auf die Geschichte des Einbezugs der Frauen in die Politik zurückblicken. Das Frauenstimmrecht hat es in der Schweiz schwer gehabt und war während des Landesstreiks lediglich eine Forderung unter vielen: In einer Zeit, als in unserem Kanton der katholische Verleger und Politiker Otto Walter beispielsweise felsenfest überzeugt war, dass mit der Ablehnung des Frauenstimmrechts die Würde der Frauen geschützt werde.
So wird sich heute wohl niemand mehr äussern. Die Zeit nach Einführung des Frauenstimmrechts, die 70er- und 80er-Jahre, geprägt von Frauenrechten, Gleichstellung habe ich selber unmittelbar erlebt. Und doch: Wäre Lilian Uchtenhagen nicht von Olten nach Zürich gezogen, wer weiss, ob sie 1971 zu den ersten Nationalrätinnen gehört hätte?
In Olten konnten 1973 erstmals Frauen ins Stadtparlament gewählt werden. Ursula Ulrich sass damals als einzige Frau unter 49 Männern.
Gleichstellung der Frauen war ihr wichtigstes Anliegen, sie hat es hautnah erlebt, als sie Ende 60er-Jahre nach einigen Jahren in Basel, wo sie das kantonale Stimmrecht hatte, wieder nach Olten zog und das Recht wieder abgeben musste. Sie hat für geschlechtsneutrale Formulierungen, beispielsweise im Kindergartenreglement, gekämpft, etwas, das heute, wenn frau Zeitung liest, offenbar nicht mehr wichtig ist.
Einen langen Schnauf haben die Pionierinnen gebraucht, auch nach dem sie endlich das Stimmrecht hatten. Ursula Ulrich gelang es immerhin beim zweiten Anlauf 1987 in den Nationalrat gewählt zu werden.
Lucie Hüsler, war eine der Pionierinnen, die sich nicht so leicht unterkriegen liess. 1977 wollte sie mit ihrem ledigen Namen Hüsler und nicht mit dem durch das damalige Eherecht aufgezwungen Namen Hagmann als Kantonsrätin kandidieren. Beschwerde gegen den abweisenden Entscheid des kantonalen Gerichts zog sie bis nach Strassburg, erfolglos. Doch bereits ein paar Jahre später wurden solche Klagen wegen Diskriminierung gutgeheissen. Lucie Hüsler musste sich noch pro forma scheiden lassen, damit sie wieder ihren Namen annehmen konnte. Sie war eine Wegbereiterin unter anderem für ein neues Namensrecht im neuen Eherecht. Als sie im Verfassungsrat war, hat sie versucht geschlechtsneutrale Formulierungen in der Verfassung zu verankern, was abgelehnt wurde. Unter anderem mit dem Hinweis, dass beispielsweise das Wort Lippenstift männlich ist und niemand auf die Idee käme, die Lippenstift zu sagen.
Dreimal kandidierte Lucie Hüsler für den Nationalrat, beim dritten Mal mit Ursula Ulrich zusammen, welche dann gewählt wurde. Lucie sagt heute, der Kanton Solothurn sei ein Spezialfall gewesen und fragt sich, ob sich bis heute viel verändert habe.
Da kommen mir die Aussagen der Polit-Pionierin Verena Motschi in den Sinn. Sie gehörte 1973 als eine der ersten dem Kantonsrat an. Jahre später erinnerte sie sich: Frauen im Kantonsrat durften nicht provozieren, wenn sie politisch etwas erreichen wollten. Und die Kantonsrätinnen mussten viel besser vorbereitet sein als die Männer, sonst habe es rasch geheissen: «Das ist Wiibergschnurr».

Ruth Grossenbacher, auch sie eine Pionierin der Gleichstellung in unserem Kanton, verlor nach ihrer Heirat ihre feste Anstellung als Lehrerin in Erlinsbach und durfte nur noch als Verweserin arbeiten. Dies hat die spätere Nationalrätin geprägt, und sie hat sich bei der CVP pionierhaft für die Gleichstellung der Frauen eingesetzt.
Und wie recht hat Lucie Hüsler, wenn sie heute sagt: Rechtliche Gleichstellung ist erreicht, aber vieles sei unterschwellig immer noch da, weshalb Wachsamkeit wichtig sei. Alles scheine selbstverständlich, aber ohne Engagement für die Errungenschaften könne es plötzlich wieder rückwärts gehen. Alle seien heute für Gleichberechtigung aber oftmals doch noch für alte Rollenbilder.
Hoffen wir doch, dass im Frühling 2021 auch im Kanton Solothurn nach Fähigkeiten und nicht nach Geschlecht gewählt wird. Hoffen wir, dass Ruth Grossenbacher recht behält: «They are late but they are running fast.» – Die Frauen sind spät dran, aber sie sind schnell unterwegs.

Ich bin gespannt auf die Ausstellung. Sie wird uns nicht nur an vergangene Zeiten erinnern, sondern leider auch vor Augen führen, dass 50 Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts es weiterhin Pionierinnen braucht, die ihre Frau stehen und Vorbilder sind, auch für künftige Generationen.

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